Vorsorge für den Tag X

Keine Kommentare

Was gehört zu den wichtigsten und elementarsten Dingen im Leben? Ist es ausreichend Geld? Ein Dach über dem Kopf? Genug zu essen? Ja und nein. Ja, weil diese Dinge die physiologischen Grundbedürfnisse des Menschen sind. Und nein, weil uns als Mensch etwas anderes ausmacht: Die Fähigkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen.

Bis man 18 Jahre alt ist, haben die Eltern bzw. die Erziehungsberechtigten die letzte Entscheidungsgewalt. Mit dem Eintritt in die Volljährigkeit erlangt der Mensch auch von Rechtswegen volle Geschäfts- und damit Entscheidungsfähigkeit.

Welchen Beruf ich ergreife, ob ich zur Miete oder in einem Haus wohne, welchen Partner ich wähle, Christ oder Moslem werde, all das kann man dann selbst entscheiden und jede Entscheidung jederzeit revidieren. Übrigens ein Privileg, dass wir erst seit kurzem haben und nur in einem kleinen Teil dieser Welt so existiert.

Jeder, der meint, das sei doch selbstverständlich, soll sich einmal mit seinen Großeltern oder Menschen aus anderen Teilen dieser Welt darüber unterhalten.

Doch was ist, wenn man plötzlich nicht mehr selbst entscheiden kann? Was, wenn ich, weil ich einen schweren Unfall gehabt habe, nicht mehr entscheiden kann, ob ich künstlich ernährt werden möchte oder nicht?

Patientenverfügung

Patientenverfügung

Welche medizinische Behandlung wünsche ich und welche nicht?

Was passiert, wenn jemand z.B. durch einem Unfall keine eigenen Entscheidungen mehr treffen kann? In solchen Notfällen entscheidet zunächst einmal der Notarzt und wird im Zweifel immer lebensrettende Maßnahmen ergreifen. Auch wenn das beispielsweise die religiösen Gebote verletzt. Es gilt der informelle hippokratische Eid, nachdem sich Ärzte verpflichten, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um Leben zu retten und zu verlängern sowie Leid zu lindern.

Bleibt der Zustand der Entscheidungsunfähigkeit erhalten – wie z.B. im Fall von Michael Schumacher – stellt sich die Frage, wie es weiter geht. Es wird versucht, die nächsten Angehörigen ausfindig zu machen. Diese werden dann in Abstimmung mit den Ärzten über weitere Maßnahmen entscheiden. Denkt man. Doch die Rechtslage ist eine andere. Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch…

„…hat der Betreuer die Behandlungswünsche oder den mutmaßlichen Willen des Betreuten festzustellen und auf dieser Grundlage zu entscheiden, ob er in eine ärztliche Maßnahme nach Absatz 1 einwilligt oder sie untersagt.“

Doch wer ist Betreuer? Gemäß des BGB bestellt das zuständige Betreuungsgericht einen Betreuer, der dann entsprechend entscheiden soll. Das ist entweder ein hauptberuflicher Betreuer oder – sofern eine Vorsorgevollmacht vorliegt – ein Angehöriger. Dazu gleich mehr.

Anders verhält es sich, wenn der Betroffene eine Patientenverfügung erstellt hat. An diese haben sich sowohl Ärzte, Betreuer, als auch Angehörige uneingeschränkt zu halten.

Eine Patientenverfügung hat dementsprechend zwei wichtige Vorteile.

Erstens garantiert sie, dass der Wille des Patienten erfüllt wird. Wer keine künstliche Ernährung will, erhält keine. Diese sog. passive Sterbehilfe ist rechtlich gesichert. Niemand muss also Angst haben, dass ein Arzt oder ein Angehöriger dann sagen kann: Doch, den ernähren wir weiter. Über die Erfüllung des Wunsches wacht das Betreuungsgericht.

Die zweite Folge ist die Entlastung der Angehörigen – sofern sie entscheiden dürfen. Schon aus diesem Grund ist die Erstellung einer Patientenverfügung empfehlenswert. Unfall oder Krankheit eines Angehörigen sind hochemotionale Situationen. Wenn dann noch der Ehepartner oder die Eltern über das Abschalten oder Nichtabschalten der Geräte entscheiden müssen, ist das noch belastender.

Ein unangenehmes Thema sicher, aber ein umso bedeutenderes. Folgende Fragen können helfen, sich seiner Entscheidung zu nähern: Wie viel sollen die Ärzte versuchen? Welche medizinischen Maßnahmen wünsche ich ausdrücklich nicht? Wie soll mein Sterbeprozess aussehen? Was soll passieren, wenn ich hirntot bin? Was soll mit meinen Organen nach meinem Tod passieren?

Vorsorgevollmacht

Vorsorgevollmacht

Wer soll sich um mich kümmern, wenn ich es nicht mehr kann?

Die Patientenverfügung regelt die medizinische Behandlung des Betroffenen. Doch was ist, wenn der Zustand der Geschäftsunfähigkeit länger anhält, weil der Betroffene beispielsweise im Koma liegt? Was passiert mit der Wohnung? Was mit dem Job? Wer bezahlt die Rechnungen? Wer geht zu Ämtern und Behörden? Wer informiert die Versicherungen?

Ein Blick ins Gesetz besagt:

„Kann ein Volljähriger auf Grund einer psychischen Krankheit oder einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung seine Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht besorgen, so bestellt das Betreuungsgericht auf seinen Antrag oder von Amts wegen für ihn einen Betreuer.“

Betreuer ist hierbei wiederum zunächst KEIN Angehöriger, sondern ein hauptberuflicher Betreuer. Einzig, wenn eine anderslautende Verfügung des Betroffenen existiert, kann das Gericht jemand anderen mit der Wahrnehmung der Rechtsgeschäfte betrauen.

Wie läuft das in der Praxis?

Das Krankenhaus bzw. ein Pflegedienst informiert sowohl Angehörige als auch das zuständige Betreuungsgericht. Das Gericht richtet daraufhin eine Anfrage ans zentrale Vorsorgeregister, ob eine Betreuungsverfügung oder Vorsorgevollmacht hinterlegt ist. Ist dies nicht der Fall, bestellt es den amtlichen Betreuer. Natürlich können auch die Angehörigen oder jemand anderes eine entsprechende Verfügung oder Vollmacht dem Gericht vorlegen.

Jedes Jahr stellen die Gerichte in Deutschland etwa 230.000 solcher Anfragen. Nur in 8% der Fälle existiert eine solche Vollmacht. Das heißt, in neun von zehn Situationen entscheiden völlig fremde Personen für den Betroffenen.

Nur wer eine Vorsorgevollmacht oder eine Betreuungsverfügung ausgestellt hat, kann gewährleisten, dass die Person(en) des Vertrauens für einen entscheiden.

Die Betreuungsverfügung ist eine Art Empfehlung für das Gericht. Das Gericht wird meist diesem Willen entsprechen, jedoch den Betreuer überwachen. Anders bei der Vorsorgevollmacht: Hier prüft das Gericht einzig die Gültigkeit der Vollmacht bzw. die Eignung des Betreuers. Beauftragt das Gericht ihn dann, endet die Kontrolle durch das Gericht. Die Vollmacht geht also wesentlich weiter. Wer jemandem eine Vorsorgevollmacht ausstellt, muss dieser Person absolut vertrauen können! Eine einmal ausgestellte Vollmacht kann nur abgeändert werden, solange man geschäftsfähig ist.

In Verbindung mit der Patientenverfügung geht der Betroffene also auf Nummer sicher, dass im Fall der Fälle seinem Willen entsprochen wird und sich eine Person seines Vertrauens um seine Belange kümmert und kein unbekannter Betreuer.

Leitfragen hierzu können sein: Wer soll für mich entscheiden? Wem vertraue ich absolut? Wer soll für mich auf keinen Fall entscheiden dürfen? Welche Lebensvorstellung habe ich? Möchte ich in einem Heim untergebracht werden? Welche medizinischen Behandlungen wünsche ich? Wie stell ich mir ein menschenwürdiges Dasein vor?

Testament

Testament

Auch für den Tod empfiehlt sich die frühzeitige Vorsorge

Der letzte Baustein der Vorsorge ist das Testament. Viele denken: Ich hab gar kein Vermögen, was soll da schon vererbt werden? Zunächst stellt sich die Frage, was im Todesfall passiert, wenn kein Testament vorhanden ist.

Im Todesfall prüft das Nachlassgericht, ob Verfügungen bestehen, ansonsten gilt die gesetzliche Erbfolge. Danach stehen unterschiedlichen Angehörigen (Ehepartner, Kinder, Eltern usw) unterschiedliche Anteile am Erbe zu.

Probleme bei der gesetzlichen Erbfolge treten z.B. bei unverheirateten Paaren oder Unternehmerfamilien auf. Bei unverheirateten Paaren erbt der Partner nichts, da keine Verwandtschaft besteht. Noch schwieriger wird das Sorgerecht. Soll der überlebende Partner für die Kinder aufkommen, ohne dass ein Vormundschaftsgericht darüber bestimmt, ist eine Sorgerechtsverfügung notwendig. Gerade bei Familien mit Firmenbesitz ist ein Testament absolut notwendig, um die Firma auch über den Tod hinaus aufrecht zu erhalten. Ansonsten würde die Firma – die ja zum Vermögen gehört – unter den Erben aufgeteilt. Ein teures Vergnügen, an dessen Ende die Firma meist zu Grunde geht.

Doch der letzte Wille erstreckt sich nicht nur auf den schnöden Mammon, sondern betrifft auch das Thema Bestattung. Mit einer Bestattungsverfügung kann auch hier zu Lebzeiten der letzte Wille festgehalten werden. Möchte der Verstorbene beispielsweise auf See bestattet werden, haben sich die Hinterbliebenen danach zu richten.

Wie geht man vor?

1. Es ist notwendig, sich über seine Lebensvorstellungen im Klaren zu werden und über seinen letzten Willen nachzudenken. Dies kann allein oder mit Angehörigen geschehen. Darüber hinaus kann man sich von Ärzten, Anwälten, Steuerberatern, Kirchen und Sozialverbänden Rat holen. Selbstverständlich können diese nur zu ihrem Fachgebiet Rat geben. Die letzte Entscheidung obliegt jedem selbst.

2. Die Verfügungen haben zwar kaum Anforderungen an den Inhalt, es empfiehlt sich dennoch, zumindest seriöse Formulare – gegen Gebühr – aus dem Internet zu nutzen. Mögliche Vordrucke gibt es auch bei verschiedenen Ämtern. Bei komplexeren Sachverhalten, wie einem Testament, ist der Gang zum Anwalt oder Notar sinnvoll.

3. Wer Vorsorge mittels Patienten- und Betreuungsverfügung, Vorsorgevollmacht, Testament und Co. betreibt, sollte unbedingt die Betroffenen – meist die Angehörigen – darüber informieren. Womöglich möchte derjenige gar nicht diese Verantwortung übernehmen. Im Fall der Fälle würde er es ablehnen und das Gericht müsste einen anderen Betreuer einsetzen.

4. Die Verfügungen sind dort aufzubewahren, wo sie schnell gefunden werden. Eine Patientenverfügung, die nicht gefunden wird, ist wertlos. Es gibt spezielle Verwahrungsstellen, wie das zentrale Vorsorgeregister, wo man gegen eine geringe Gebühr die entsprechenden Dokumente sicher hinterlegen kann. Auch Anwälte oder Notare kommen infrage.

5. Wichtig ist die regelmäßige Überprüfung der Verfügungen. Spätestens wenn sich die Lebensumstände ändern, wie neuer Partner oder die Geburt eines Kindes, sollten Änderungen vorgenommen werden. Des Weiteren kommt es regelmäßig auch zu gesetzlichen Änderungen, die Auswirkungen auf die Verfügungen haben können. Hier können Beratungsstellen oder Anwälte helfen. Ansonsten empfiehlt es sich, einfach einmal jährlich zu einem festen Termin die Unterlagen hervorzuholen und zu schauen, ob die Wünsche und Wertvorstellungen noch zutreffen.

Diese Themen sind unangenehm und es ist nur natürlich, dass man sich ungern mit dem eigenen Tod oder hilflosen Situationen auseinandersetzt. Doch wer sich überwindet und sich auch mit seinen Angehörigen austauscht, für den verlieren diese Themen den Schrecken. Leid und Tod gehören zu unserem Leben dazu und es ist wichtig, sich frühzeitig darüber im Klaren zu werden, was man in einem solchen Fall möchte. Außerdem nimmt es die riesige Verantwortung von den Schultern der Angehörigen und entlastet sie so. Wer sich aktiv damit auseinandersetzt, wird gelassener und entspannter in die Zukunft blicken. Also los geht’s!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere