Prognosen oder moderne Wahrsagerei?

3 Kommentare

In unserer heutigen Welt werden wir ständig mit Prognosen, Annahmen für die Zukunft, überhäuft. So solltet Ihr mit ihnen umgehen.

Lässt du dir Tarotkarten legen, die Zukunft aus Handlinien lesen oder verfolgst du dein Horoskop? Kaum einer glaubt an den Hokuspokus vergangener Tage. Früher war es Gang und Gebe Sterne, Tierknochen oder irgendwelche Schamanen nach der Zukunft zu befragen. Aber heute? In unserer aufgeklärten Welt? Keine Chance!

Schamanen und Analysten

Nun, das ist so nicht richtig. Der moderne Schamane, die moderne Kartenlegerin heißen heute Analyst, Zukunftsforscherin oder Kapitalmarktexperten. Denen aber vertrauen wir heute genauso wie unserer Vorfahren den Wahrsagern. Warum ist das? Wer profitiert davon? Warum lässt sich die Zukunft nicht vorhersagen? Und was kann man überhaupt machen?

Prognosen als Leuchtturm

Prognosen als Leuchtturm in unsicheren Zeiten

Der Mensch hasst wohl nichts so sehr wie die Ungewissheit. In einer komplexen und ungewissen Welt eigentlich eine denkbar schlechte Eigenschaft. Bereits seit Jahrtausenden versucht der Mensch der Zukunft auf die Spur zu kommen. Früher befragte er Geister, heute mathematische Modelle. Wann immer jemand einen „todsicheren“ Tipp hat, „Megatrends“ voraussieht oder den nahenden Crash heranziehen sieht, gibt es genügend Menschen, die das glauben. Der Mensch sucht Sicherheit und die findet er in diesen Vorhersagen.

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Das Problem mit Prognosen

„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Dieses Zitat wird unterschiedlichen Persönlichkeiten zugeschrieben. Es trifft den Kern. Je weiter eine Prognose in die Zukunft reicht, desto mehr Unsicherheitsfaktoren kommen hinzu.  Bereits winzige Änderungen der Annahmen wirken massiv auf das Ergebnis. Beispiele gefällig? Im Jahr 2008 noch kurz vor Ausbruch der weltweiten Finanzkrise weissagten die verschiedenen Wirtschaftsinstitute für das Folgejahr ein ordentliches Wirtschaftswachstum von etwa 2%. Warum? Weil sie die Daten aus der jüngeren als linearen Trend in die Zukunft fortgeschrieben haben. Was war die Realität? 2009 kam es zum dramatischsten Wirtschaftseinbruch der Geschichte der Bundesrepublik von etwa 5%. Statt 50 Milliarden mehr Wirtschaftsleistung gabs 130 Milliarden weniger als im Vorjahr! Oder die Arbeitslosenzahlen: niemand schafft es, immer wieder die Zahlen auch nur für den nächsten Monat richtig „vorherzusagen“! Aber da werden Prognosen aufgestellt, wie viele Menschen in 50 Jahren in Deutschland wohnen oder wie viele Steuern der Staat in 3 Jahren einnimmt.

Crash-Propheten

Prognosen und Crash-Propheten

Die Katastrophe ist die sichere Prognose der Crash-Propheten

Derzeit besonders en vogue sind wieder Katastrophenszenarien und Crash-Propheten. Sie füllen Hallen und schreiben Bestseller. Ihre Analysen der gegenwärtigen Situation sind oft korrekt. Die Schlüsse, die sie ziehen, jedoch haltlos. Manche prognostizieren den Crash für 2023, andere früher, andere später. Manche verorten den Beginn in den USA, manche in China und wieder andere irgendwo in Europa. Ihre Lösungen sind oft eindimensional und einfach. Besonders vorsichtig solltest du sein, wenn sie die Lösung gleich noch mit verkaufen. Einige der Crash-Propheten legen eigene Aktienfonds oder Anlageinstrumente auf.

Ein Blick zurück

Wie unsicher Prognosen sind, kannst du leicht überprüfen, wenn du  andersrum vorgehst: Blicke 10, 20 oder mal 50 Jahre in die Vergangenheit zurück. Überlege, was von dem, was wir heute als selbstverständlich erachten, man damals noch nicht einmal erahnt hatte?

  • 10 Jahre: Smartphones, Fridays for Future, Donald Trump als Präsident
  • 20 Jahre: Roboter, die operieren, 11. September, Amazon
  • 50 Jahre: Fall der Mauer, eine Frau als Bundeskanzlerin, Computer in jedem Haushalt

Was heute selbstversätndlich ist, konnte Oma nicht ahnen

Eine solche Liste ließe sich unendlich weiter spinnen. Alle, wirklich ALLE Prognosen, schreiben nur die Gegenwart in die Zukunft fort. Aber so ist die Welt nicht. Sie ist wechselhaft, überraschend, launisch. Die meisten Entdeckungen und Erfindungen sind Zufälle. Sie sind nicht geplant und somit auch nicht planbar. So etwas kann man nicht vorhersagen.

Wer von Prognosen profitiert

Prognosen als Lockmittel

Prognosen als Lockmittel

Wer aber profitiert nun davon? Zunächst einmal alle, die von Aufmerksamkeit leben: Journalisten, Wissenschaftler, Schriftsteller. Je verrückter oder aber je „wissenschaftlicher“ eine Prognose daher kommt, desto gewisser ist ihr die Aufmerksamkeit. Außerdem lebt eine ganze Industrie von Prognosen: die Finanzindustrie. Da „weiß“ man heute schon, wie die Bevölkerungsstruktur in 50 Jahren aussieht und dass die gesetzliche Rente dann nicht mehr finanzierbar ist. Denn: Deutschland wird immer älter und weniger. Diese Prognose gab es übrigens schon einmal: etwa 1930. Ausgestorben sind die Deutschen bis heute nicht. Wenn man den Leuten aber sagen kann: Deine Rente wird weniger, sorge privat vor! Dann bringt das bares Geld. Dass private Vorsorge wichtig ist, um von einem unberechenbaren Staat unabhängig zu sein und die Versorgung der heutigen Rentner wohl einen historischen Ausnahmefall darstellt, ist unbestritten. Aber doch nicht aus der Tatsache heraus, dass es „ zu viele Alte“ geben wird, sondern aus unterschiedlichen anderen Gründen. Kein Mensch, kein Computer weiß, wie die Bevölkerung in 50 Jahren aussieht und ob und welche Rente es dann geben wird. Es muss nur oft genug wiederholt werden, dass die Leute das Märchen glauben.

Prognosen in der Finanzindustrie

Auch in der Kapitalanlage spielen Prognosen eine wichtige Rolle. Viele verlassen sich auf die Wahrsager in den Bankentürmen und deren Aktienempfehlungen. Diese sind wertlos. Gerd Gigerenzer, deutscher Psychologe und Risikoforscher, hat gemeinsam mit seinen Studenten ein Experiment gewagt: Der Zufall gegen Aktienprofis. Ein Jahr lang haben sie Aktien nach dem Zufallsprinzip Aktien gekauft und verkauft. Dann haben sie ihre eigene Performance mit denen der Profis verglichen. Ergebnis: Der Zufall war besser! Da werden Analysten, Aktienstrategen und co bestens bezahlt (über Gebühren vom Anleger natürlich) und wofür? Für nichts!

So gehst du mit Prognosen um

Bei Prognosen immer schön skeptisch bleiben

Was kannst du dagegen machen? Prognosen als das sehen, was sie sind: Meinungsäußerungen. So bezeichnen Rating Agenturen übrigens ihre Prognosen, entscheiden damit über Wohl und Wehe ganzer Staaten und stehen gleichzeitig unter dem Schutz der Verfassung, da die freie Meinungsäußerung ein hohes verfassungsrechtliches Gut ist. Es ist auch nicht korrekt, alle Prognosen zu nehmen und einen Mittelwert zu bilden. Die Realität wird irgendwo anders liegen. Und dabei gilt: je weiter in die Zukunft, desto weiter liegen Prognosen und Realität auseinander. Prognosen sind wie utopische, fantastische Romane: nette Unterhaltung. Wenn jemand sagt: „Es wird so und so kommen!“, bleibe skeptisch!

Aktualisiert am 10.01.2020

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Seit 2011 sind Stephan Busch und Tom Wonneberger die PROGRESS Finanzplaner. In ihrem Blog erklären sie alles rund um Versicherungen und Finanzen - einfach und verständlich. Weitere Infos findest Du auf der Über Uns Seite.


3 thoughts on “Prognosen oder moderne Wahrsagerei?”

  1. Rico says:

    Schön gesagt. Man muss aber auch sehen: Wenn Prognosen immer stimmen würden, wären es keine Prognosen sondern Tatsachen. Und wenn man Ziele setzen will, muss man diese anhand von Annahmen definieren. Anders wird man keinen Plan für die Zukunft machen können. Statistisch ist die kurzfristige Annahme “alles bleibt wie es ist” eben doch immer noch am besten.

    Langfristige Prognosen sind tatsächlich eher Unterhaltung, aber auch politische Taktik.

  2. Micha says:

    Die Aussage “Da werden Analysten, Aktienstrategen und co bestens bezahlt (über Gebühren vom Anleger natürlich) und wofür? Für nichts!” mit den Ergebnissen von Gerd Gigerenzer zu begründen vernachlässigt einige Einschränkungen, die klassischer Weise bei derartigen Experimenten getroffen werden: 1. Es wird ein Betrachtungszeitraum festgelegt (eine Entscheidung die schon mal nicht zufällig ist) und 2. Es wird neben dem Anlagetyp Aktie oft ein Handelsplatz (bspw. Frankfurter Börse) oder eine Branche (bspw. 300 Internetunternehmen in einem Experiment von Gerd Gigerenzer) für das Experiment definiert.

    Es ist richtig, dass der Zufall teilweise Anlageentscheidungen von Analysten schlagen kann, jedoch eben oft nur mit experimentellen Einschränkungen wobei die schwierigste der Betrachtungszeitraum ist, denn wann beginne ich das Zufallsexperiment mit meiner Finanzanlage und wann beende ich es. Für eine gute Zufalls- oder besser Bauchentscheidung wie sie Gerd Gigerenzer nennt, ist Intuition notwendig und Intuition ist wiederum nichts absolut zufälliges, sondern schnelles Verhalten auf Basis von Erfahrungen, was jedoch durch den Handelnden nicht immer sofort rational begründet werden kann.

    Ein einfacheres, aber sicherlich nicht vollumfänglich erklärendes Indiz ist, wenn der Zufall als Anlagestrategie ausreichen würde, dann würden alle Fondsgesellschaften Analysten, Indexersteller, etc. entlassen, viel Geld sparen und trotzdem die gleiche oder sogar bessere Rendite erwirtschaften … es müsste also überwiegend nur solche Fonds geben.

    Ich würde sagen, Analysten und der ganze Rest ihrer Zunft äußert eine Meinung und diese sollte jeder Privatanleger wahrnehmen und mit eigenen Erfahrungen kombinieren, aber sie nicht per se als unnütz oder gar falsch abtun.

    Fairerweise sollte ich dazusagen, dass ich selbst ein solcher Analyst bin ^^, aber eben auch Volkswirt mit Vertiefung auf Verhaltensökonomie.

    1. Tom Wonneberger says:

      Hey Micha,

      danke für deine Ausführungen! Nun ja, du hast aus unserer Sicht zu einem guten Teil Recht.

      Allerdings gibt es ausreichend wissenschaftlich fundierte Studien, die zeigen, dass Analysten bzw. Fondsmanager (die sich auf Analysten verlassen) kaum besser sind, als der Gesamtmarkt (von extrem kurzen Betrachtungszeiträumen mal abgesehen). Wenn sie erfolgreicher sind, dann zufällig, da sie die überdurchschnittlichen Erfolge eben nicht wiederholen (können). Die wenigsten Fonds(manager), die in einer Periode besser waren als die Benchmark, waren es in der darauffolgenden Periode.

      Weniger wissenschaftlich, dafür aber umso unterhaltsamer ist der jährliche Check der FAZ der Prognosen namhafter Banken und Analysten. Die Ergebnisse liegen meilenweit auseinander und Treffer sind reinster Zufall. Mal hat der eine “Recht” mal ein anderer.

      So lange aber mit solchen Prognosen (oder besser Meinungen, siehe die Behauptungen großer Rating-Agenturen, dass deren Bewertungen und Analysen lediglich Meinungen seien) viel Geld verdient werden kann – nämlich dass der (Privat-)Anleger, die ihr Geld in aktiv verwaltete Fonds investieren, so lange wird die Mär von der Vorhersagbarkeit der Finanzmärkte weiter erzählt.

      Prognosen sind so betrachtet nie “falsch”. Sie sind nur ebenso selten “richtig”. Denn sie könnten ja eintreten oder auch nicht, nur lassen sich die Ursachen für das eine oder andere kaum nachvollziehen. Was ich aber für falsch halte ist sie zur Basis von Kapitalanlageentscheidungen zu machen.

      Viele Grüße

      Tom

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