Eigenverantwortung

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Einer Studie zufolge, die im Journal of Economic Literature veröffentlicht wurde, können nur 53% der Deutschen die folgenden drei simplen Fragen richtig beantworten:

1. Angenommen, Sie haben 100 Dollar auf dem Konto, bei einem Zinssatz von 2 Prozent. Wie hoch glauben Sie, ist Ihr Kontostand nach fünf Jahren, wenn Sie das Geld nicht anrühren?

A) mehr als 102 Dollar;
B) exakt 102 Dollar;
C) weniger als 102 Dollar;
D) weiß nicht/keine Antwort.

2. Stellen Sie sich vor, der Zins auf Ihr Konto beträgt 1 Prozent und die Inflationsrate liegt bei 2 Prozent. Können Sie mit dem Geld nach einem Jahr

A) mehr kaufen;
B) genauso viel kaufen;
C) weniger kaufen;
D) weiß nicht/keine Antwort.

3. Ist die folgende Aussage richtig oder falsch? “Der Kauf einer einzelnen Aktie ist in der Regel weniger riskant als der Kauf eines Aktienfondsanteils.”

A) richtig;
B) falsch;
C) weiß nicht/keine Antwort.

Die Auflösung folgt am Ende des Beitrags.

Damit liegt Deutschland jedoch noch auf den vorderen Plätzen. Dramatischer kann man den weltweiten Finanzanalphabetismus nicht illustrieren.

Im Folgenden möchten wir erklären, warum die Eigenverantwortung in Finanzdingen so wichtig ist und noch weiter an Bedeutung gewinnen wird.

Es wird ja allerorten über Versicherungen und Vertreter geschimpft: Die verkaufen ja bloß! Die Verbraucherschützer beklagen, dass die Deutschen über-, unter- und falsch, aber keineswegs korrekt versichert sind. Ursache dessen scheint die skrupellose Provisionsgier der Vertreterhorden zu sein.

Nun, Fakt ist zunächst, dass niemand früh unter der Dusche steht und sich denkt: Geil, heute kaufe ich mir eine Versicherung, so eine richtig schöne mit Schleife drum. Da gönne ich mir mal was. Niemand prahlt bei seinen Kumpels: Ey, ich hab jetzt ne neue Unfallversicherung, die zahlt mir sogar ne Haushaltshilfe, wenn ich mir beim Fußball mal wieder die Knie kaputt gemacht habe!

Dusche

Versicherungen werden VERkauft, nicht GEkauft.

In der BWL spricht man von sogenannten Push-Produkten. Das heißt, sie werden in den Markt gedrückt, da niemand sie wirklich von sich aus nachfragt. Die Hintergründe sind vielfältig. Zum einen ist der Versicherungsabschluss eine Kaufentscheidung. Und da konkurriert die Versicherung leider mit schönen Sachen wie Wohnungseinrichtung, Restaurantbesuchen oder dem Urlaub. Weiterhin ist eine Versicherung ein immaterielles Gut, nicht mehr als ein Blatt (oder besser mehrere Dutzend), ein Versprechen, im Schadenfall nicht im Regen zu stehen. Was eine Versicherung also wirklich wert ist, zeigt sich erst im Schadenfall. Man hat also vielfach den Eindruck, da fließt Geld ins „Nichts“, ist weg, da man ja keine unmittelbare Gegenleistung erhält. Niemand gibt gern Geld für „Nichts“ aus. Richtig problematisch ist die fehlende Risikokompetenz der Menschen. Das menschliche Gehirn kann mit Risiken nicht wirklich gut umgehen. Diese Kompetenz muss mühsam erworben und immer wieder angewandt werden. Leider wird das in der Schule nur unzureichend berücksichtigt. Die Folge ist, dass Menschen Risiken überschätzen und sich entsprechend überversichern (Hausrat, KFZ-Kasko) und Risiken unterschätzen (Arbeitsunfähigkeit). In beiden Fällen werden „falsche“ Kaufentscheidungen gefällt. Ein letzter Aspekt ist der sogenannte „It won’t happen to me“-Effekt in Verbindung mit dem „It won’t matter to me“-Effekt. Diese besagen grob, dass Menschen, selbst wenn sie die Risiken korrekt einschätzen, der Meinung sind, dass sie dennoch nicht trifft und selbst wenn, es schon nicht so schlimm wird.

Dieser kurze Ausflug in die Entscheidungspsychologie soll eines verdeutlichen: Bei der Entscheidung ob wir Versicherungen kaufen oder nicht, entscheiden wir selten rational und treffen somit oftmals falsche Entscheidungen.

Damit die Versicherungsgesellschaften aber ihre Produkte überhaupt loswerden, hat sich ein schlauer Mann namens August Zillmer vor über 150 Jahren ein Verfahren überlegt. Wenn Versicherungen nicht GEkauft werden, müssen sie halt VERkauft werden. Als Anreiz sollte der Verkäufer eine üppige Provision erhalten. Der Clou war, dem Vertreter nicht vom Monatsbeitrag einen kleinen Teil abzugeben, sondern den gesamten Verdienst gleich zu Beginn auszuzahlen. Der Vertreter musste nun immer wieder neue Kunden akquirieren, um sich ein stabiles Einkommen zu sichern. Des Weiteren war der Vertreter natürlich bestrebt, erfolgreich Versicherungen zu verkaufen. Eigentlich also eine Win-Win-Win-Situation: Die Versicherungen machten Umsatz, der Vertreter machte Umsatz und der Kunde bekam Versicherungsschutz, den er sich so wahrscheinlich nie gekauft hätte.

Jahrzehntelang war dieses sogenannte Zillmerungs-Verfahren erfolgreich. Doch mit dem aufkommen Verbraucherschutz und der immer komplexer werdenden Welt, kam der Verdacht auf, dass es doch nicht nur das Gelbe vom Ei ist. Der Verdacht steht im Raum, dass die Provisionen Schuld an Falschberatungen sind, da die Vertreter (und Makler) vor allem Produkte verkaufen, die ihnen viel Umsatz bringen, aber nicht zwingend zur Situation des Kunden passen.

In diesem Zuge kam de Idee der Honorarberatung auf. Soll doch der Kunde den Berater direkt vergüten. So wird der Berater nicht mehr von Provisionen zu falschen Empfehlungen verführt. Die Idee ist charmant und aus unserer Sicht auch der richtige Weg. Allerdings gibt es auch hier eine zweite Seite der Medaille.

Zahlreiche Stimmen warnen davor, dass der nötige Versicherungsschutz nicht mehr vermittelt wird. Denn wenn der Verbraucher auch noch Geld für die Beratung (separat) zahlen soll, werden das nur die Verbraucher tun, die sich aktiv mit ihren Finanzen auseinandersetzen, was die Minderheit sein dürfte. Die Folge könnte Altersarmut sein oder dass Menschen im Schadenfall wirklich im Regen stehen. Als Beispiele werden Großbritannien oder die Niederlande angeführt. In denen nach dem Provisionsverbot der Lebensversicherungsmarkt zusammengebrochen ist.

Die Argumentation ist korrekt, wie wir oben gezeigt haben. Allerdings greift sie zu kurz. Der Ausweg kann nicht sein: Weiter so mit den Provisionen. Denn wir verbieten ja auch keine Autos, weil damit Menschen tot gefahren werden, sondern bringen ihnen das Autofahren und die Verkehrsregeln bei.

Deshalb müssen wir die Eigenverantwortung und die Finanzkompetenz stärken!

Der Konsument muss aus seiner Lethargie erwachen und sich aktiv mit seinen Finanzen auseinandersetzen. Hierfür benötigt er die nötigen Fertigkeiten und Fähigkeiten, die derzeit noch vielfach unterentwickelt sind, wie die Studie vom Anfang gezeigt hat. Es muss selbstverständlich sein, dass der Verbraucher, also Du lieber Leser, dich um dein Geld kümmerst und du dort, wo du nicht weiterkommst, dir neutrale Beratung gegen Geld einkaufst.

Daran wollen wir arbeiten! Mit euch! Wer macht mit?

Achso, die Antworten zum Quiz oben:

1A)
2C)
3B)

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