Lebendig schreiben: 5 einfache Tipps

7 Kommentare

Substantivierungen, Schachtelsätze, abgenutzte Wörter – es gibt viele Dinge, die einen Text zu einem unlesbaren Monster machen. Glücklicherweise gibt es ein paar einfache Tipps, die aus diesem Monster wieder einen lesbaren und lebendigen Text machen.

Tipp 1: Weniger Substantive

Im Deutschen kann man fast alles substantivieren. Häufig werden zum Beispiel aus Verben Substantive: Durchführung, Finanzierung und in Erwägung ziehen statt durchführen, finanzieren und erwägen. Sehr schöne Beispiele findest Du auch in offiziellen Schreiben von Behörden oder in Gesetztestexten… Da wird aus wichtig dann von großer Wichtigkeit und aus jetzt wird zum gegenwärtigen Zeitpunkt.

Dabei lassen sich Texte viel lebendiger und einfacher lesen, wenn man Verben verwendet. Nehmen wir zum Beispiel den Satz „Er ist von großer Wichtigkeit, eine Messung durchzuführen.“ Wenn beide Substantive ersetzt werden, lässt sich der Satz viel leichter lesen: „Es ist wichtig, zu messen.“

Tipp 2: Positiv formulieren

Ohne Verneinungen geht es nicht, das ist klar. Aber viele Verneinungen lassen auch positiv formulieren. Das ist besonders wichtig, da sich das menschliche Gehirn oft nur die Verben und Substantive merkt. Wenn Du schreibst „Ich schreibe keine Gedichte“, merkt sich das Gehirn die beiden Worte schreiben und Gedichte. Besser ist es daher, den Satz positiv zu formulieren und zu sagen, was Du machst.

Bei doppelten Verneinungen kommt noch dazu, dass diese schwerer zu erfassen sind. Außerdem klingt es viel freundlicher, wenn jemand talentiert ist statt nicht untalentiert. Und wenn etwas nicht unwichtig ist, ist es ganz einfach wichtig.

Kleiner Nebeneffekt: Die Sätze werden kürzer und somit der gesamte Text besser lesbar.

Tipp 3: Einfache Sätze

„Die Koffer waren gepackt, und er reiste, nachdem er seine Mutter und seine Schwestern geküsst und noch ein letztes Mal sein angebetetes Gretchen an sich gedrückt hatte, das, in schlichten weißen Musselin gekleidet und mit einer einzelnen Nachthyazinthe im üppigen braunen Haar, kraftlos die Treppe herabgetaumelt war, immer noch blass von dem Entsetzen und der Aufregung des vorangegangenen Abends, aber voller Sehnsucht, ihren armen schmerzenden Kopf noch einmal an die Brust des Mannes zu legen, den sie mehr als ihr eigenes Leben liebte, ab.“ (aus: Mark Twain: Die schreckliche deutsche Sprache)

Häh?! Ja, grammatikalisch ist der Satz richtig. Aber verständlich ist er leider überhaupt nicht. Mehrere kürzere Sätze sind meist sinnvoller als ein ellenlanger, verschachtelter Satz. Aus Mark Twains Ungetüm kann man locker 5 Sätze machen. Ist im Endeffekt genauso lang, aber viel einfacher zu verstehen:

Die Koffer waren gepackt und er musste abreisen. Er küsste seine Mutter und seine Schwester und drückte sein angebetetes Gretchen noch ein letztes Mal an sich. Sie war in schlichten weißen Musselin gekleidet und hatte sich eine einzelne Nachthyazinthe in ihr üppiges braunes Haar gesteckt. Gretchen war immer noch blass von dem Entsetzen und der Aufregung des vorangegangenen Abends, weshalb sie die Treppe kraftlos herabtaumelte. Gleichzeitig war sie voller Sehnsucht, ihren armen schmerzenden Kopf noch einmal an die Brust des Mannes zu legen, den sie mehr als ihr eigenes Leben liebte.

Glas Wasser

Ein Glas Wasser zum Text, weil er so trocken ist?

Tipp 4: Mehr Zwischenüberschriften

Seitenlange Textwüste und niemand weiß, worum es hier eigentlich geht? Kein Wunder, dass im Web das Kürzel tldr (too long didn’t read) erfunden wurde. Aber auch offline wollen wir alle schnell erkennen, ob es sich lohnt, einen Text zu lesen.

Um es Deinen Lesern einfach zu machen, solltest Du regelmäßig aussagekräftige Überschriften einfügen und den Text in Absätze gliedern.

Tipp 5: Aktiv statt Passiv

Das Passiv: In technischen Texten gebräuchlich, an allen anderen Texten zu umständlich. Lebendige Texte leben von starken Verben und aktiven Formulierungen. Passive Formulierungen wirken dagegen schwach. „Wir haben unser Produkt verbessert“ hinterlässt beim Leser einen viel besseren – weil aktiven – Eindruck als die Formulierung „Unser Produkt wurde verbessert“.

Und jetzt viel Spaß beim Texteschreiben! 🙂

Zum Weiterlesen

Viele praxisnahe Tipps und eine Sammlung von Synonymen findest Du in “Texten wie ein Profi” von Hans-Peter Förster.

Und wenn Du über die deutsche Sprache schmunzeln möchtest, besorg Dir unbedingt “Die schreckliche deutsche Sprache” von Mark Twain.


Bildnachweis: © snapographic// unsplash


Ein Gastbeitrag von Hannah Szynal

Freie Texterin seit 2009. Verliebt in Sprache, Freund klarer Worte, webaffin und immer für einen Kaffee zu haben.

Hannah Szynal

 

7 thoughts on “Lebendig schreiben: 5 einfache Tipps”

  1. Elke says:

    Super Artikel! Das werd ich doch gleich mal versuchen aktiv umzusetzen! Neue Texte für die Homepage müssen her! Los gehts…

    1. Tom Wonneberger says:

      Hallo Elke!

      Wenn du mit deinen eigenen Texten nicht zufrieden sein solltest, kannst du dich ja an Hannah wenden 🙂

      Liebe Grüße

      Tom

  2. Ralph says:

    Hallo Hannah Szynal,

    ein sehr lesenswerter Artikel.
    Im Alltag ist das lebendige Schreiben mit zahlreichen Herausforderungen im Wettstreit.

    Können Sie mir ein Tool für die Textanalyse aus Ihrer Erfahrung empfehlen?

    Beste Grüße

    Ralph Scholze

    1. Hannah says:

      Hallo Herr Scholze,

      um die Qualität eines Textes umfassend zu prüfen, gibt es leider noch kein Tool. Dazu ist Sprache einfach zu komplex. Einen ersten Anhaltspunkt liefert das Tool von wortliga, das Verständlichkeit, Verwendung von Füllwörtern, Struktur und Satzlänge prüft.

      Wie bei allen Tools gilt auch hier: Prüfen Sie die Ergebnisse nochmal mit gesundem Menschenverstand 🙂

      Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit dem kleinen Tipp weiterhelfen.

      Viele Grüße!

  3. Ralph says:

    Hallo Hannah Szynal,

    danke für den Tipp.
    Wortliga war mir schon bekannt. Genau diese Art von Tools meinte ich. Sie sind dienlich für die Verfeinerung des Textes, für den letzten Schliff. Dieses muss ich natürlich vollenden. Auch hier sind wir uns einer Meinung 😉

    Beste Grüße

    Ralph Scholze

  4. Bernd says:

    Hallo Hannah,
    lebendig schreiben?
    Ganz einfach: Ein lebendiger Mensch sein – still werden – aus dem Kopf ins Herz gehen – und schreiben.
    Herzliche Grüße
    Bernd

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