Welche Finanzmärchen du unbedingt kennen solltest

So fängt jedes gute Märchen an. Wir erzählen heute kein Märchen, sondern wollen anderen Mythen auf den Grund gehen: Finanzmärchen/ Finanzmythen. Derlei gibt es viele und einige halten sich sehr hartnäckig. Welche sind das? Wieso werden sie immer wieder erzählt, obwohl sie nicht richtig sind? Und wer profitiert davon? Wir haben uns drei Finanzmärchen rausgesucht: Steuervorteile, Altersvorsorge und Immobilien.

Mythos 1: Steuervorteile

Steuern sparen gehört zu des Deutschen scheinbarem Lieblingssport. Das macht es für die zahlreichen Finanzberater sehr einfach, ihre Produkte an den Mann zu bringen. Gerade Gutverdiener sind sehr empfänglich für alle Arten von Steuersparmodellen. So wurden in den neunziger Jahren vor allem denkmalgeschützte Immobilien in Ostdeutschland verklingelt mit dem Hinweis, damit könne man Steuern sparen. Auch zahlreiche Beteiligungen oder geschlossene Fonds werben mit dem Siegel: Steuersparmodell. Es geht oftmals darum, Verluste, die in den Anfangsjahren solcher Investitionen entstehen, steuerlich geltend zu machen und damit die Steuerlast zu senken. Auch Riester- und Rürup-Renten werden oftmals deswegen empfohlen, weil sie einen Steuervorteil versprechen. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Das ist Etikettenschwindel.

Einen „echten“ Steuervorteil gibt es so gut wie nie. Meist handelt es sich um eine Steuerstundung oder –verschiebung. Das heißt, die Steuerlast fällt später an. Am Beispiel der Riester-Rente wird das deutlich. Die eingezahlten Beiträge können steuerlich abgesetzt werden. Jedoch wird die Rente später voll besteuert. Die Befürworter meinen dann, dass der Steuersatz im Alter niedriger sei, als während der Erwerbsphase. Allerdings vermag niemand zu sagen, ob dasin 20 bis 30 Jahren angesichts leerer Kassen noch immer so sein wird.

Oftmals werden viele Produkte nur deshalb rentabel, weil solche vermeintlichen Steuervorteile einberechnet werden. Wir meinen jedoch, dass eine Kapitalanlage oder Altersvorsorge von vornherein rentabel sein muss. Ich möchte mich nicht auf die Hoffnung verlassen, dass der Staat keine Möglichkeiten findet, Renteneinkünfte stärker als heute zu besteuern. Insofern gilt: Steuervorteile sind meist nur ein Aufschieben der Steuerlast und sollten niemals ein Argument für den Kauf eines Produkts sein. Allzu viele Anleger haben bei solchen Experimenten Schiffbruch erlitten und mussten bitteres Lehrgeld zahlen.

Mythos 2: Private Altersvorsorge

„Die Rente ist sicher!“, sagte Norbert Blüm 1986. Doch angesichts mauer Rentenerhöhung und steigender Beiträge trommeln die Versicherungen und Finanzvertriebe die Trommel für die private Altersvorsorge. Und dabei gilt: Je früher, desto besser. Meist werden dabei Prognosen genutzt, die zeigen, wie Deutschland in den kommen Jahrzehnten schrumpft und immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren müssen, um die Aussage zu unterstreichen. Einige Prognosen zur Zahl der Deutschen und dem Rentenniveau reichen bis ins Jahr 2050. Um zu zeigen, welchen Wert solche Prognosen haben, muss man nur 40 Jahre zurückschauen und überlegen, was die damals von der Welt heute prognostiziert hatten: nichts. PC, Handy, Facebook, 3D-Drucker, Fall der Mauer, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen mit Ereignissen und Erfindungen, die unsere Welt verändert haben. Und auch heute haben wir nicht mal den Hauch einer Ahnung von den Dingen in 40 Jahren.

Die Panikmacher führen dann oft ins Feld, dass die Bevölkerungsentwicklung sich aber ziemlich genau vorher sagen ließe, da die Kinder, die heute nicht geboren werden, ja nicht nachgeholt werden können. Das ist richtig, aber die massive Einwanderungswelle gut ausgebildeter Südeuropäer derzeit zeigt, wie schnell sich die Situation ändern kann. Plötzlich kommen junge, produktive Menschen nach Deutschland. Auch das hat niemand (noch nicht einmal vor 2 Jahren) vorhergesehen.

Solche Ereignisse haben die Macht, auch scheinbar genau vorhersagbare Entwicklungen eine andere, unerwartete Richtung zu geben. Was bedeutet das nun für die jungen, verunsicherten Studenten, Azubis und Berufseinsteiger, denen permanent eingetrichtert wird, Altersvorsorge zu betreiben. Erst einmal: Ruhe bewahren. Niemand weiß, wie gesagt, was in 40 oder gar 50 Jahren ist, allerdings weiß man ziemlich genau, dass junge Menschen Geld benötigen, um sich zum Beispiel selbstständig zu machen, eine Familie zu gründen, aus beruflichen Gründen umzuziehen oder ein Auslandsjahr zu machen. Insofern liegt die Priorität ganz klar auf der kurz- und mittelfristigen Verfügbarkeit von Geldmitteln und nicht dem fernen Ziel Rente.

Das Ansparen für kurz- und mittelfristige Ausgaben erfolgt dabei am besten über einfache Produkte wie Tagesgeldkonten, Bausparer oder Banksparpläne. Mit einer solchen Rücklage braucht man dann, wenn es so weit ist, keinen Kredit aufnehmen und spart sich die Kreditzinsen. Bei Rentenversicherungen fließt zunächst viel Geld an den Vermittler und die Versicherung. Wenn man nun kurzfristig Geld braucht, kommt man nur schwer und unter Verlusten heran. Also: Erst Geld zur Seite legen, auf das man ohne Probleme zurückgreifen kann und dann mit der Altersvorsorge beginnen.

Mythos 3: Immobilien sind sicher

Betongold. Das Wort hat wohl jeder schon einmal gehört. Es soll die scheinbar absolute Sicherheit der eigenen vier Wände suggerieren. Auch dieses Märchen wird von vielen vorbehaltlos geglaubt. Doch was ist dran? Sind Immobilien wirklich so sicher, wie immer gesagt wird?

Zunächst einmal sind die eigenen vier Wände mit Emotionen beladen, was den Blick für die Tatsachen trübt. Fakt ist, dass eine Immobilie eine Kapitalanlage mit Chancen und Risiken wie jede andere ist. Vielfach werden Immobilien vermietet, um von den Mieteinnahmen zu leben. Spannenderweise werden solche Anlagen oftmals mit dem ersten Märchen, den Steuervorteilen, verknüpft. Ein unwiderstehlicher Cocktail für Gutverdiener, die dem Fiskus ein Schnippchen schlagen wollen.

Immobilien unterliegen den gleichen Wertschwankungen wie zum Beispiel Aktien, auch wenn diese bei Immobilien nicht sichtbar sind. Bei Immobilien heißt es immer: wertstabil oder wertsteigernd. Wer sich ein 30 Jahre altes unsaniertes Objekt angeschaut hat, wird nachvollziehen können, dass eine Wertsteigerung bei Bestandsimmobilien eine Fata Morgana ist. Was im Wert (sprich: im Preis) steigt, sind Neuimmobilien. Ab und an steigen auch Grundstücke im Wert, aber dies hängt von der Lage ab. Allerdings weiß man im Vorfeld nicht, ob das eigene Grundstück jemals im Wert steigen wird, da die Entwicklung der Umgebung nicht bekannt ist. Wer etwas anderes behauptet, muss eine Glaskugel besitzen. Zum Beweis schaue man sich die Entwicklung von Grundstücken im Ruhrgebiet an. Vor 40 Jahren noch die stärkste Region Deutschland, verschimmeln Städte wie Essen und Duisburg heute.

Vielfach erwerben Anleger eine Wohnung oder ein Haus, um es zu vermieten. Das konzentriert das Risiko extrem, man spricht vom sogenannten Klumpenrisiko. Zieht in diese eine Wohnung ein Mietnomade, wird aus der Altersvorsorge ein Albtraum. Kein Mensch, der bei Sinnen ist, würde sein gesamtes Vermögen in die Aktie eines, unbekannten Unternehmens investieren. Bei Immobilien passiert genau das Tag für Tag, nur schlimmer. Da werden Häuser aus dem Prospekt heraus gekauft und der ganze Spaß noch über Kredite finanziert. Dass solche Anlagen reihenweise platzen und die Anleger ruinieren, verwundert nicht.

Zum Thema Sicherheit von Immobilien sei noch an die Enteignung von 1946 erinnert. Damals wurden Tausende Hausbesitzer entschädigungslos verstaatlicht. Auch damals galten Immobilien als sicher vor dem Zugriff des Staates. Das Gleiche gilt übrigens für Gold.

Fazit: Wachsam bleiben

Wer profitiert nun von solchen Mythen? Die Verkäufer solcher Anlagen! Solange damit ordentlich Reibach gemacht wird, erzählen „Berater“ und Vermittler gerne die Märchen von den Steuervorteilen, der Altersvorsorge und Immobilien als Hort letzter Sicherheit. Um das zu verdeutlichen, ein kleines Rechenbeispiel. Ein junger Anleger möchte 10.000€ anlegen. Wofür genau weiß er nicht, sie sollen nur erst mal runter vom Giro. Vielleicht möchte er sich in ein paar Jahren selbstständig machen oder ins Ausland ziehen. Vermittler A preist eine geschlossene Beteiligung an einer Ölplattform mit Steuervorteilen und traumhaften Renditen an. Seine Provision: 1.000€. Vermittler B erzählt etwas von Rentenlücke und Zinseszinseffekt und verkauft dem jungen Mann eine Rentenversicherung, seine Provision: 450€. Berater C meint, er solle es auf dem Tagesgeldkonto parken, bis deutlich wird, was er eigentlich will. Mit dem Tagesgeldkonto bleibt er flexibel. Seine Provision: max. 50€. Alles klar?

Unser Exkurs in die Welt der Finanzmärchen ist nun zu Ende. Eines wollen wir euch noch mit auf den Weg geben: Immer schön wachsam bleiben und im Zweifel bei uns nachfragen.

Ein Kommentar

  1. Sehr gute Zusammenfassung. Allerdings sollte man das “Klumpenrisiko” Immobilie nicht mit der Aktie vergleichen. Bei Immobilien ist man quasi selbst der Unternehmer, bei Aktien ist man (meist) nur ein kleiner Beteiligter ohne wirklichen Einfluss auf das Unternehmen.

    Von Bausparen halte ich auch nicht sehr viel… Man spart erst jahrelang zu schlechten Konditionen Geld an, um anschließend einen günstigeren Kredit zu bekommen. Wer das Geld ohne Bausparer gespart hätte, wäre meist mit besserer Rendite davon gekommen und könnte mit dem höheren EK-Anteil auch günstigere Kredit-Konditionen verhandeln.

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